Buchauszug - die-eifelgöre eine ungewöhnliche Lebensgeschichte

Die Eifelgöre
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Buchauszug

Die Geschichte spielt in der Eifel, in Frankreich, London und auf der Insel Mallorca. Sie beinhaltet Leid, Krankheit, Freude, Liebe und eine Menge positiver Erkenntnisse.  
 
Jede gute Geschichte beginnt mit: Es war einmal …
 
 
So fangen alle Märchen an. Allerdings auch wahre Geschichten, wie sie das Leben nur allzu gerne schreibt. Tragen wir tief in uns nicht alle eine gewisse Sehnsucht, uns von glaubwürdigen und faszinierenden Erzählungen berühren und inspirieren zu lassen? Jede erfundene literarische Handlung ist farblos im Vergleich zu dem, was sich im wirklichen Leben ereignen kann.
 
 
Der Zweite Weltkrieg war gerade ein paar Jahre vorbei, und die Menschen versuchten, in sämtlichen Bereichen ihres Daseins, ihrem Leben wieder einen normalen Rhythmus zu verleihen. Sie waren sorgsam bemüht, nach der langen Zeit der Entbehrungen und des Leids die stets ersehnte Lebensqualität wieder zu finden.  
 
Bernhard, der einmal mein Vater werden sollte, war – zumindest körperlich – unversehrt aus dem Krieg nach Hause zurückgekehrt. Paula, die erstgeborene Tochter meiner späteren Eltern, die mitten im Krieg zur Welt gekommen war, sollte nun nicht mehr länger ein Einzelkind bleiben. Wie von den beiden geplant, wurde Bernhards Frau Johanna so etwa zwei Jahre nach Kriegsende schwanger, und meine Lebensgeschichte nahm ihren Anfang.
 
Doch recht bald nach der stattgefundenen Empfängnis stellten sich fast unüberwindbare Komplikationen ein, und der Hausarzt riet Johanna dringend, diesen Fötus sofort abzutreiben, weil ansonsten Lebensgefahr für sie bestehen könnte. Sie entschied sich jedoch, trotz aller pessimistischen Äußerungen und Widrigkeiten, dafür, das Leben so anzunehmen, wie es war, und mich heranreifen zu lassen. Warum sie das gegen jede Vernunft und alle „guten“ Ratschläge tat? Wie sie mir später einmal in einer stillen Stunde erzählte, war es eine Entscheidung, die alleine ihrem Herzen und ihrer Freude auf mich entsprang. So war meine Existenz erst einmal gesichert!
 
 
An einem sehr warmen Vorsommertag – Ende Mai im Jahre Neunzehnhundertachtundvierzig – kämpfte ich mich in mein Leben. Meine Mutter schenkte es mir in aller Frühe des gerade beginnenden Tages. Vielleicht sind deshalb auch heute noch die Morgenstunden für mich die allerbesten am Tag? Kaum hatte ich den ersten Schrei getan, so operierte der Hausarzt schon an mir herum. Meine Mutter hatte, wie so viele in dieser Zeit, aus der Not heraus mit Sägemehl versetztes Brot gegessen. Das sollte der mögliche Grund sein, warum mein gerade ins Leben getretener, kleiner Körper eitrige Beulen aufwies. Nach damaligen Kenntnissen der Medizin gehörten sie wohl sofort beseitigt, und so schnitt man ungehemmt und ohne Betäubung an mir herum, nachdem ich kaum den ersten Atemzug getan hatte. Sehr früh, oder besser sofort, erfuhr ich also auf brutale Weise, wie es sich anfühlte, die behagliche Geborgenheit des Mutterschoßes verlassen zu haben. Was meinen Namen betraf, so entschieden sich meine Eltern, mich Sarah Liliane zu nennen, woraus dann irgendwann die Abkürzung Sally wurde.
 
Mein Vater, wie auch mein Großvater Matthias, hatte sich sehnlichst einen Stammhalter gewünscht. So unglaublich das jetzt auch klingen mag, ich wurde zunächst einmal für Bernhards Vater und einige vom Rest der Familie als „Peterle“ ausgegeben. Bis schlussendlich Oma Theresia, die Mutter meines Vaters, den unpassenden Schwindel aufdeckte. Dennoch wurde ich eine geraume Zeit weiterhin wie ein kleiner Junge präsentiert und ebenso behandelt. Einige riefen mich sogar „Peterchen“, und wie mir viel später berichtet wurde, kleidete man mich sogar wie einen Jungen. Warum auch immer dieses Spiel von etlichen Personen aus meiner Umgebung mitgespielt wurde, wusste später keiner von den Beteiligten mehr so  genau. Auch die Frage, ob mir die anfängliche Verleugnung meines wahren Geschlechtes später einmal Schwierigkeiten bereiten könnte, hatte sich damals wohl niemand gestellt.  
 
Usw….............

 
 
18 Jahre später:
In meinem Heimatort war mir öfter, auf dem Weg aus  der Arztpraxis nach Hause, an der Bushaltestelle ein junger Mann aufgefallen. Der von Natur aus hellblonde Bursche hatte eine supermoderne Frisur und betörende, kornblumenblaue Augen. Er war groß, ausgesprochen attraktiv und wirkte sehr sportlich. Recht schnell hatten Pia und ich in Erfahrung gebracht, wie er hieß und wo er seinen Tag verbrachte. Wir wussten nun, dass besagter Alex als Bilanzbuchhalter in der Töpfer- und Schornsteinindustrie des Patenonkels von Vater Bernhard arbeitete. Manchmal verweilte ich in den Privaträumen des Anwesens, um meine kinderlose, extravagante Großtante Alina zu besuchen. Daher war es relativ einfach für mich, einen Abstecher ins Büro zu machen und den gewünschten Kontakt mit dem schönen Jüngling zu knüpfen. Ich ließ meinen ganzen Charme sprühen und flirtete unverhohlen mit Alex, der seinerseits sofort offen dafür war. Von Stunde an gehörte der junge Mann zu unserer Clique und begleitete uns auf unseren Streif-zügen. Fast alle Mädchen aus unserem Umfeld schwärmten von ihm. Da er beeindruckend gut tanzen konnte, freute ich mich jedes Mal wenn er auftauchte, denn das Tanzen war eines meiner Hobbys. Mir imponierte natürlich sehr, dass ich seine Favoritin war, er mich auffällig bevorzugte und immer wieder zum Tanz aufforderte. Wir zwei waren in der Tat ein schönes Tanzpaar und wurden von so einigen bewundert, weil wir ziemlich gekonnt und recht verrückt zusammen tanzten.
Aber, wie immer, gab es auch einen Wermutstropfen. Dieser verdammt hübsche junge Mann stand insgesamt sehr hoch im Kurs bei der Damenwelt und nutzte seine Beliebtheit gründlich aus. So ging etwa ein Jahr ins Land, und eines Morgens kam Pia aufgeregt in die Praxis und verkündete die Nachricht: „Alex heiratet Rosina, sie ist schwanger von ihm.“ Ich nahm die Botschaft relativ gelassen hin. Obwohl er von seinem Aussehen her schon eine Augenweide war, hatte ich bei ihm eine gewisse Originalität vermisst. Alex war recht antiquiert, unflexibel und fantasielos, wenn es um Verände-rungen, Nervenkitzel oder Abenteuer ging. Leider blieben wir nach seiner Hochzeit keine Freunde mehr, denn seine Ehefrau war – verständlicherweise – krankhaft eifersüchtig und aus diesem Grunde nicht gewillt, sich unserer Truppe weiterhin anzuschließen. Pia und ich sahen die beiden nur noch ganz selten. Rosina hielt Alex argwöhnisch  unter Verschluss.
 
 
Aber – da war ja auch noch Daniel, der hier und da meinen Weg kreuzte und sich gerne im Landhaus, vorzugsweise am Tresen des Tanzlokals, aufhielt. Daniel war Rechtsanwalt bei der US Army. Er war zweiunddreißig Jahre alt und ein überaus interessanter Mann, gebildet, welterfahren und dazu noch recht abenteuerlustig. Wir mochten uns und freuten uns riesig, wenn wir uns hin und wieder einmal rein zufällig trafen. Manchmal fuhr er Pia und mich nach den Tanzveranstaltungen nach Hause. Meine Freundin war bis über beide Ohren in den smarten Amerikaner verliebt. Daniel jedoch ganz offensichtlich nicht in Pia. Sie bemühte sich unaufhörlich, ihm zu gefallen und ihn von mir weg auf ihre Seite zu ziehen. Wer von uns beiden würde wohl gewinnen?
Eines Abends nahm ich all meinen Mut zusammen und lud Daniel für den darauffolgenden Samstag zum Kaffee zu uns nach Hause ein, um ihn meinem Vater und meiner Stiefmutter vorzustellen. Irgendwie war ich davon überzeugt, dass Daniel den beiden gefallen würde, denn alle Welt mochte den charmanten Kerl.
 
Doch ich hatte nicht an die tiefsitzende Aversion meines Vaters in Bezug auf „Kriegsfeinde“ gedacht! Mir war nicht wirklich bewusst, wie ausgeprägt mein Vater das amerikanische Volk hasste und alles verachtete, was auch nur irgendwie damit zusammenhing. Vater Bernhard und meine Stiefmutter waren dennoch freundlich und höflich, sie wahrten wie gewohnt den Schein.
 
 
Doch als Daniel uns wieder verließ und nach Hause fuhr, brauste ein wahrer Orkan von Vorwürfen über mich herein. „Wie kannst du nur den Feind in unser Haus bringen“, meinte mein zorniger Vater, und fügte hinzu: „Und eines sage ich dir jetzt. Lieber wäre es mir, du wärst tot als in den Armen eines Amerikaners.“ Bei diesen Worten überschlug sich seine Stimme und seine Wangen röteten sich. Nun gut, ich wusste, was mich erwartete, wenn ich mich im Rahmen meiner Männerbekanntschaften erneut gegen ihn auflehnen würde. Diesbezüglich hatte ich ja vor wenigen Jahren erst eine wahre Tragödie erlebt. Dieses Dilemma steckte mir auch heute noch, im wahrsten Sinne des Wortes, in den Knochen. Denn mein angebrochener Wirbel war immer eine Schwachstelle. Traurigerweise erledigte sich diese Geschichte, die bis zuletzt reine Freundschaft geblieben war, nach ein paar Monaten auf sehr tragische Weise von selbst.
 
Daniel war mit einem Militärflugzeug abgestürzt und dabei tödlich verunglückt. Selbst die letzte Ehre konnte ich ihm leider nicht erweisen, um mich auf diesem Wege von ihm zu verabschieden. Seine sterblichen Überreste wurden, nachdem die Leiche endlich freigegeben war, in die Vereinigten Staaten von Amerika transportiert, wo seine Eltern schon auf ihren toten Sohn warteten.
 
Mittlerweile glaubte ich schon fast daran, in meinem Dasein ein Vorzugsabonnement bei der Verteilungsstelle von Pech und Dramen zu besitzen. Doch auch diesen Schmerz verkraftete ich irgend-wie und irgendwann, bejahte trotz allem das Sein und lebte weiter in der guten Hoffnung, eines schönen Tages ganz bestimmt das zu mir passende Gegenstück zu finden.
 
Usw…

Wir übernachteten in Saint Etienne, ehe die Reise am folgenden Tag weiter zu unserem Ziel nach Nizza ging. Mein erstes französisches Frühstück habe ich heute noch in bester Erinnerung. Die frisch gebackenen Croissants und der Café au lait schmeckten einfach göttlich. Noch an diesem Nachmittag sah ich zum ersten Mal in meinem Leben das tiefblaue Meer und roch seinen einzigartigen Duft. Der gesamte Eindruck dieses wunderbaren Augenblicks war ab dem Moment unauslöschlich in mir gespeichert. So traumhaft hatte ich mir den Blick auf die Bucht und die Landschaft in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt. Ich war tief berührt. Die Sehnsucht nach dem Meer, nach dieser geballten Naturenergie, begleitet mich bis zum heutigen Tage. Jedes Mal, wenn ich irgendwo auf der Welt auf das „große Wasser“ treffe, wird mein Herz ganz weit, und ich erlebe mich im gleichen Augenblick wie befreit.  
 
 
An jenem Sommertag Neunzehnhundertachtundsechzig hätte ich mich vor Begeisterung am liebsten sofort in die Wellen gestürzt. Doch zuerst packten wir unsere prall gefüllten Koffer aus und machten es uns in der Wohnung der Tante von François gemütlich. In völliger Übereinstimmung fanden wir unser Feriendomizil große Klasse und freuten uns gigantisch über das großzügige Geschenk der lieben älteren Dame. Immerhin war es meine erste große Reise ans Mittelmeer und in ein entferntes Land mit einer fremden Sprache. Weit weg von allem, was mich zu Hause bedrückt hatte, fühlte ich mich „über den Dächern von Nizza“ geradezu wie im Paradies. Am nächsten Tag bummelten wir am Strand entlang über die Promeade des Anglais, besuchten die Einkaufsstraßen des Cours Saleya, schlenderten über die Avenue de Verdun und die Rue Paradis bis zur Rue Masséna. So eine Pracht an Geschäften und Hotels, wie beispielsweise das Nobelhotel Negresco, was direkt an der Küstenstraße steht, hatte ich vorher niemals gesehen. Ich fühlte mich fast ein wenig gedopt, oder besser, wie eine Prinzessin oder ein Star. Für Sally, das erlebnishungrige Mädchen aus der Provinz mit all seinen jugendlichen Schwärmereien, war es ein Wahnsinns-Trip in einen Bereich der großen weiten Welt. Auch wenn es sich „nur“ um die französische Riviera handelte!
 
Mein einfacher, idiotensicherer Fotoapparat war im Dauerbetrieb. Das Schärfste für das Teil in diesem Urlaub war, dass ich bei einem Ausflug nach Monaco den Schauspieler Cary Grant vor die Linse bekam. Mit seinem unvergleichlichen Charme war er für mich der Inbegriff eines gutaussehenden Mannes.
Wie bestellt und von Geisterhand zu mir geführt, kam er just in dem Moment, als ich auf der Treppe des Luxusschuppens Hotel de Paris in Monte Carlo stand, gute Laune ausstrahlend aus dem Foyer heraus. Ich war gerade im Begriff, meine stets neugierige Nase mit achtungsvoller Bewunderung in die extrem große, mit bombastischen Blumenarrangements geschmückte Eingangshalle hineinzustecken. In diesem Moment begannen mich die luxuriösen Hotels, in denen es den Gästen mutmaßlich an nichts fehlte, zu faszinieren.   
 
Als der von mir vergötterte Mann so urplötzlich in Lebensgröße vor mir stand, wurde es mir kurzfristig schwindelig. Mein Herz klopfte wie wild bis zum Hals. Trotz meiner ganzen Aufregung gelang es mir dennoch, im richtigen Augenblick zitternd den Auslöser meines Fotoapparates zu bedienen. Cary erleichterte mir das, indem er kurz innehielt, als er mich und meine Absicht wahrnahm. Ganz sicher war er als großer Star solche Situationen gewöhnt, und dieser Moment schien ihm keineswegs unangenehm zu sein. Mit seinem eleganten und typischen Gang schlenderte er die Treppe zur Straße hinab und stieg in das wartende Taxi. Wie angewurzelt stand ich immer noch an der gleichen Stelle und sagte nur: „Wow!“ Jetzt erst wusste ich genau, warum meine Mutter immer so von ihm geschwärmt hatte, und fand, dass ihr Männergeschmack absolut tauglich war. Gleichermaßen verehrt hatte sie seine Filmpartnerin Grace Kelly, besonders in dem Streifen „Über den Dächern von Nizza.“ Gracia Patricia von Monaco war inzwischen die Ehefrau des regierenden Fürsten Rainier. Wir alle schauten uns an diesem Tag, wenn auch nur von außen, das Schloss der Grimaldi-Familie direkt vor Ort an. Total begeistert bestaunten wir im Fürstentum all die großartigen Besonderheiten, die wir vorher nur auf Fotos oder im Fernseher gesehen hatten.
 
Usw…

­­­­­­­­­­­­­­ 30 Jahre später:
 
Als der ganze Stab der „Götter in Weiß“ zur Visite kam, teilte ich ihnen allen – wenn auch befangen und noch ziemlich unsicher, aber dennoch mit festem Ton in der Stimme – mit, dass ich die Klinik verlassen und den Heimweg antreten würde. Sie wirkten geschockt! Professor Kaufmann meinte: „Dann werden Sie nicht lange brauchen, und Sie sehen die Radieschen von unten!“ Meine Antwort war: „Vielleicht geschieht es ja so, wie Sie unken, aber wer weiß das schon? Ich bin allerdings momentan der festen Überzeugung, dass es mir bald wieder sehr viel besser geht. Vor allem bin ich mir total sicher, dass die klassisch schulmedizinischen Behandlungsmethoden einfach nicht mehr weiter zu mir passen, mit mir und meinen Ansichten nicht mehr kompatibel sind und mir daher viel eher schaden als nützen.“ Nach einigen Gegenargumenten seitens der Ärzte fügte ich meiner tollkühnen Mitteilung noch folgendes hinzu:
 
„Warum um alles in der Welt sollte ich zulassen, dass gegen einen keineswegs naturwidrigen Hilfeschrei in meinem eigenen Universum, sprich Körper, mit so drastischen Maßnahmen Krieg geführt werden soll?“ Ich fasste mir ein Herz und erlaubte mir, zu bemerken: „Alles, was bekämpft wird, versucht von Natur aus stärker zu werden und sich gegen Ignoranz und den jeweiligen Feind zu wehren. Wie kann ein Betroffener also ernsthaft glauben, ja sogar erwarten, durch eine derart widernatürliche Behandlung gesund zu werden? Erklären Sie mir doch bitte, und zwar für mich verständlich, warum man ein paar entartete Zellen im Körper partout mit etwas vernichten will, was auch alle anderen gesunden Zellen im Körper ruiniert? Ist es nicht so, dass die Selbstheilungskräfte, über die jeder lebendige Organismus verfügt, im Rahmen derart kontraproduktiver Aktionen außer Acht gelassen werden? Unser Abwehrsystem, was als einziges Element unseres Körpers in der Lage ist, jede (unheilbare) Krankheit zu eliminieren, wird dabei völlig lahmgelegt. Beantworten Sie mir doch bitte die folgende Frage: Sind die gescheiten Forscher und auch die Ärzte, die als Anwender ihrer  Entwicklungsergebnisse in Erscheinung treten, sich wirklich allen Ernstes sicher, dass die brachialen Methoden der gängigen Hoch-leistungsmedizin eine zufriedenstellende und perfekte Lösung darstellen?“
 
Professor Kaufmann schwieg einen kurzen Moment und schien in der Tat nach meinem Plädoyer etwas betroffen zu sein. Doch dann versuchte er, mit den hinreichend bekannten, überaus klassischen und – zumindest für mich – mittlerweile unhaltbar gewordenen Argumenten zu kontern. Ziemlich wütend versuchte er mich zu über-reden, den derzeit üblichen Behandlungsmethoden der Schulmedizin zuzustimmen. Seiner Meinung nach waren genau diese die einzige medizinische Perspektive, die für mich in Frage kam und  lebenserhaltend wirken konnte. Sichtlich aufgewühlt runzelte der Herr Professor immer mehr die Stirn, und sein Blick war fast bedrohlich, während er sich krampfhaft bemühte, mich doch noch zu überzeugen. Ganz sicherlich tat er das nicht aus einem niederen Beweggrund heraus! Nein, er befand sich in der Tat voll und ganz im Einklang mit seinen Vorschlägen und erfüllte damit auf klassische Weise die Erwartungshaltungen seiner Lehrmeister, der meisten Patienten und auch seine eigenen an sich selbst. Vollkommen linientreu beabsichtigte er, genau das auszuführen, was er studiert hatte und zudem auch noch täglich lehrte. Vor allem tat er das, was die „Verantwortlichen“ der Pharmaindustrie jedem praktizierenden Arzt explizit nahelegen. Während er sich hochgradig ereiferte, kam er merklich ins Schwitzen. Immer wieder rutschte ihm seine Goldrandbrille in Richtung Nasenspitze. Ungehalten schob er sie mit einer ruckartigen und sehr gekonnten Handbewegung zurück an ihren ursprünglichen Platz.  
 
Wie ich beobachten durfte, hatten die fesche Oberärztin und die ganzen Studenten während unseres Dialoges fast aufgehört zu atmen. Erwartungsvoll schauten sie alle in die Richtung ihres großen Vorbildes und Lehrmeisters. Ich blieb jedoch immer noch nicht stumm, und unterbrach das betretene Schweigen mit einer Frage und Feststellung: „Wer entscheidet hier überhaupt, was mit mir und eventuell „bösartig“ veränderten Zellen in meinem Organismus geschieht? Sie müssen mir doch zugestehen, das ist ganz alleine meine Sache!“
 
Im gleichen Augenblick regten sich alle Mediziner, die um mein Bett herumstanden, fürchterlich auf. Was hatte ich ihnen getan, fragte ich mich. Ich hatte doch nur etwas gesagt, was mir als wahr und richtig erschien. Dabei hatte ich klargestellt, was ich wollte und nicht wollte und mich wie eine mündige Patientin verhalten. Fühlten sie sich etwa in ihrer Berufsehre gekränkt? Traf der Volksmund hier mitten ins Schwarze mit seinem Aphorismus: „Der getroffene Hund bellt“? Wie konnte ich mir nur erlauben, auch nur einen Hauch an dem zu zweifeln, was sie sagten und taten? In ihren Augen war ich doch nur ein dummer Laie, eine medizinisch völlig inkompetente Patientin.
 
Usw…

­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­50 Jahre nach meiner Geburt:
 
An einem Tag wie jeder andere sollte mein Schwur, in mein Leben so schnell keinen Mann mehr hineinzulassen, plötzlich heftig ins Wanken geraten. Schon am frühen Morgen läutete mein Telefon. Es war Marie, die gute Seele, die in einem Nachbarort mit ihrem Mann Leo ein sehr großes Landgut – also eine echte Finca – bewirtschaftete. Vor einiger Zeit hatten Maxim und ich die beiden während eines Events in einem Kulturzentrum kennen gelernt. In der Folgezeit hatten wir so einiges zusammen unternommen und uns dabei ein wenig angefreundet. Alle paar Wochen fanden auf der Finca von Marie und Leo diverse kulturelle Veranstaltungen statt, die Maxim und ich immer recht gerne zusammen besucht hatten. Jetzt lud Marie mich zu einem gemütlichen Sommerabendfest mit Tapas und Vino ein und versicherte mir, dass Maxim ganz sicher nicht anwesend sein würde.
 
„Keine Lust, Marie, du weißt doch, ich brauche noch viel Zeit für mich“, gab ich zu bedenken. „Feiert schön, ich bin nicht in der richtigen Laune und verderbe euch dann möglicherweise noch den Abend.“ „Ach, komm, lass dich nicht so hängen“, setzte sie meinen Worten entgegen. Ich spürte deutlich, sie meinte es herzlich, wollte mich aufheitern. Um das Gespräch zu beenden, sagte ich schließlich: „Danke für eure Einladung, gib mir bitte noch etwas Bedenkzeit, ich überlege es mir. Vielleicht tauche ich ja doch noch bei euch auf.“ „Sally, du musst raus aus deinen vier Wänden, es wird dir gut tun“, ermahnte mich Marie. „Leo wird sich auch freuen, und es kommt außerdem noch ein sehr netter Bekannter von uns beiden. Mit dem kannst du dich ganz bestimmt blendend unterhalten, darauf wette ich. Außerdem hat dieser Mann ein sehr gutes Herz, zeigt es jedoch nicht gleich jedem!“ So tönten ihre abschließenden Erklärungen, und wir beendeten daraufhin unser Gespräch.
 
„Ach, was interessieren mich schon Leo oder der andere Mann“, dachte ich etwas genervt vor mich hin, während ich die Küche aufräumte. Warum konnte Marie mich nicht in Ruhe lassen? Ich wollte überhaupt kein männliches Wesen näher kennen lernen! Mein wundes Herz brauchte wohl noch seine Zeit, bis es sich – wenn überhaupt – wieder für eine Person des anderen Geschlechtes erwärmen konnte. Dessen war ich mir sicher. Oder redete ich mir das nur ein, um mich zunächst vor weiteren emotionalen Verletzungen zu schützen?
 
Anschließend tätigte ich ein paar notwendige Einkäufe, schrieb danach weiter an meinem neuen Buch und machte es mir dabei auf der Terrasse gemütlich. Ohne dass ich es registrierte, neigte sich der Tag seinem Ende zu. So wie es schien, würde er wieder einmal mit einem jener traumhaften Sonnenuntergänge enden, die selbst den übelgelauntesten und traurigsten Menschen all das vergessen lassen, was in seinem Leben gerade nicht so rund läuft.
 
Ich trug meinen Laptop zurück ins Haus und widmete mich den drei wilden, rotgetigerten jungen Katzen, die mich besuchten. Seit ein paar Wochen tauchten sie jeden Abend zur gleichen Zeit auf und verlangten mit unüberhörbarem Maunzen ihr Futter. Vor allem jedoch ihre Streicheleinheiten, an die sie sich offensichtlich erinnerten. Meinen geliebten Kater Julio brachte das allabendliche Prozedere jedes Mal gewaltig aus seiner Ruhe. Immerhin war es ja sein Revier, was er auch gekonnt verteidigte. Der sich extrem bedrängt und gestört fühlende Kater stolzierte demonstrativ mit gebauschtem Schwanz und einem bedrohlichen Fauchen über die Terrasse. Nicht selten gab es heftige Kämpfe mit den seinerseits recht uner-wünschten Eindringlingen. Die kleinen, süßen „Tigerlein“ waren jedoch in meinem Leben eine recht willkommene Abwechslung. Nur allzu gerne nahm ich alles an, was mich froh und glücklich stimmte.
 
Wie von einer Geisterhand geführt ging ich später zu meinem Kleiderschrank und tauschte meine superbequeme kurze Hose mit einem recht luftigen, bunten Sommerkleid. Genüsslich schlüpfte ich in die genau dazu passenden italienischen Schuhe, betonte meine gebräunte Haut dezent mit Rouge und wählte für meine Lippen ein kräftiges Rot. Zuletzt steckte ich meine Haare routiniert hoch und fand mich schließlich von Minute zu Minute gesellschaftstauglicher. Inzwischen gab es keinen Zweifel mehr, ich war offensichtlich gewillt, den Abend doch unter Menschen zu verbringen. Als der große Spiegel mir zeigte, wie ich aussah, bildete ich mir ein, dass ich nach dem perfekten Styling keine Zweiundfünfzigjährige verkörperte.
 
Im Allgemeinen und an den meisten Lebenstagen fühlte ich mich sowieso viel jünger. Während ich die Fensterläden und sämtliche Türen verriegelte, dachte ich darüber nach, dass eine Frau meines Alters in früheren Zeiten schon als alt und „verbraucht“ gegolten hatte, und daher selbst in ihrem Leben nicht mehr allzu viel Spaß erwartete. Heutzutage jedoch blühen viele reife Frauen dann erst richtig auf, orientieren sich oft sogar noch einmal ganz neu, so wie ich es auch getan hatte. Denn in der Mehrzahl der Fälle sind dann die Kinder schon aus dem Haus und ihre Ehemänner sind anderweitig beschäftigt. Daher haben sie endlich wieder genügend Zeit, Muße sowie die Gelassenheit, sich um sich selbst zu kümmern und die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.
 
Während ich über all das nachgedacht hatte, saß ich bereits in meinem kleinen Cabrio, bog auf die Landstraße ein und ließ mir die Sommerabendluft genüsslich um die Nase wehen. Verglichen mit dem Zustand am frühen Morgen, war ich jetzt in allerbester Laune und voller Unternehmungslust. Seltsamerweise fühlte ich mich jedoch ziemlich aufgekratzt.
 
„Na, jetzt bin ich aber froh“, begrüßte mich die sehr mütterlich wirkende Marie bei meiner Ankunft und drückte mich liebevoll an ihren fülligen Busen. „Hallo, du Liebe, schön, dass du da bist, jetzt ist die Runde erst perfekt“, meinte Leo und führte mich in den Patio, durch den mittlerweile schon ein angenehm kühles und erfrischendes Lüftchen zog. Überall brannten große und kleine Kerzen, und ihr flackerndes Licht schaffte in den alten Mauern eine anheimelnde Atmosphäre. Klavierklänge von Frédéric Chopin drangen wohltuend an mein Ohr. Ich liebe seine Musik! Auf der Insel ist sie fast bei allen Gelegenheiten zu hören und zählt ein wenig zum Pflicht-programm. Ausgenommen natürlich am Ballermann! Die klassischen Töne dieses berühmten Künstlers, der mit der französischen Schriftstellerin George Sand – in der Kartause von Valldemossa – Achtzehnhundertachtunddreißig einen Winter verbracht hat, verstärkten noch den Zauber der sowieso schon betörenden, tropischen Nacht.  
 
Usw…..................
 
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